Komm mit – Turngeschichte, die bewegt!

Was vielen gar nicht auffällt: Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen „Geschichte des Turnens“ als Aneinanderreihung von Daten und Namen und der tieferen Frage nach dem, was Turnen eigentlich für den Menschen bedeutet hat – und immer noch bedeutet. Die meisten beschäftigen sich nur mit den großen Namen, den berühmten Turnfesten, aber lassen völlig außer Acht, wie stark die Vorstellungen von Gesundheit, Körper und Gesellschaft im Laufe der Zeit verschoben wurden. In meiner Erfahrung hat sich bei den meisten eine Art Tunnelblick entwickelt– man denkt, Turngeschichte sei nur das Abspulen alter Fakten, dabei ist gerade das, was zwischen den Zeilen steht, das wirklich Spannende. Zum Beispiel, wie sich das Bild des gesunden Körpers im 19. Jahrhundert davon unterschieden hat, was wir heute für „gesund“ halten. Damals galt ein kräftiger, disziplinierter Körper beinahe als Beweis für moralische Integrität – heute ist das eher ein Nebengedanke. Wenn man sich darauf einlässt, passiert etwas Seltsames: Man merkt plötzlich, dass die eigene Sicht auf Bewegung, Leistung und Gesundheit nicht einfach „natürlich“ ist, sondern historisch gewachsen und immer wieder umstritten. Das öffnet Türen, auch über den Tellerrand hinaus. Und es gibt einem eine gewisse Gelassenheit – nicht jeder Trend, der als gesund verkauft wird, ist automatisch sinnvoll, wenn man ihn in einen größeren Zusammenhang stellt. Ich erinnere mich noch gut an die Diskussionen darüber, warum die schwedische Gymnastik als besonders „gesund“ galt, obwohl sie aus heutiger Sicht fast schon starr und unnatürlich wirkt. Wer hier tiefer einsteigt, versteht, wieso bestimmte Bewegungsformen immer wieder als Allheilmittel dargestellt wurden – und erkennt, wie sehr diese Zuschreibungen vom jeweiligen Zeitgeist abhängen. Und genau da liegt der Unterschied für den beruflichen Alltag: Plötzlich kann man nicht nur mitreden, sondern auch kritisch hinterfragen. Man weiß, warum bestimmte Übungen oder Ansätze populär wurden – und wann es an der Zeit ist, neue Wege zu gehen.

Am Anfang geht’s meistens um die Anfänge, also wirklich – Turnvater Jahn, schmutzige Wiesen, und wie es überhaupt dazu kam, dass Leute angefangen haben, Räder zu schlagen. Die Schüler werfen sich da oft schon Fragen hin und her: Warum waren die ersten Geräte eigentlich so klobig? Es gibt regelmäßig kleine Gruppenarbeiten, wo man dann alte Fotos anschaut und diskutiert. Gar nicht selten zieht jemand einen Vergleich zur Leichtathletik, aber so ganz passt das ja auch nicht. Ab der dritten Woche tauchen dann schon mal Namen auf wie Olga Korbut oder Nadia Comaneci, und plötzlich merkt man, dass die Geschichte im Prinzip voller Wendepunkte steckt. Ich erinnere mich, dass wir damals eine kurze Doku gesehen haben, VHS, das Bild war grausam, aber die Stimmung irgendwie besonders. Und ständig diese Diskussionen um Wertungssysteme – Code de Pointage, das zieht sich durch wie ein roter Faden, egal ob’s um die 70er oder die 2000er geht. Einmal gab’s einen Exkurs zu DDR-Turnsystem und wie eng das alles mit Politik verknüpft war. Da kam auch ein Gast, der früher selbst Kampfrichter war, und der hat Sachen erzählt, die man gar nicht in Lehrbüchern findet. Immer wieder überrascht, wie ernst das Thema Doping genommen wird, aber oft bleibt danach erstmal Stille im Raum – viele wissen einfach nicht, was sie dazu sagen sollen. Ganz am Ende, wenn die Prüfungen näher rücken, wird vieles wiederholt, aber jeder merkt, dass er jetzt anders auf die Sachen blickt. Manchmal entsteht so ein Gefühl von Déjà-vu, wenn man ein altes Wettkampfvideos nochmal anschaut und plötzlich Details auffallen, die vorher völlig untergingen.